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Stefan Heide – Konstellationen
„Auf den ersten Blick scheint alles ganz einfach zu sein.
Im Umfeld häufig mit konzeptuellen Attitüden überladenen
künstlerischen Positionen handelt es sich bei den Werken von
Stefan Heide einfach um Malerei. Eine Malerei, die scheinbar keine
metasprachlichen Aussagen trifft und keiner theoretischen Rechtfertigung
bedarf...“
Die einleitenden Worte eines Textes, den ich 1999 für einen
Katalog von Stefan Heides Bildern geschrieben habe, passen noch
heute, obwohl sich seine Bilder seither sehr verändert haben.
Damals waren es in der Formensprache und Farbpalette extrem reduzierte
Bilder.
Geometrische Formen und organische Gebilde formierten sich zu
Strukturen, die in Analogie zu verschiedenen menschlichen Zuständen
gelesen werden und die vom Betrachter auf seine eigene Lebenswirklichkeit
rückbezogen werden konnten. Diese Bilder entzogen sich einer
deutlichen Benennbarkeit. Gerade deshalb aber konnten sie eine
Erfahrung des Ungewissen ermöglichen, die unsere Gegenwart
prägt. Denn es ist das zunehmend anwachsende Wissen, das eine
Antwort auf existentielle Grundfragen eher verhindert als findet.
Dem italienischen Theoretiker Sandro Boccola zufolge hat die Kunst
die Fähigkeit, metaphorisch dieser Grunderfahrung wahrnehmbare
Gestalt zu verleihen. Es geht also nicht mehr um das eine Bild,
die eine Wahrheit, sondern um Metaphern für die Vielgestaltigkeit.
Stefan Heides gesamtes bisheriges Werk steht modellhaft für
die Erfahrung des Ungewissen. Es entzieht sich der direkten Bennennung,
indem es verschiedene Positionen vereint. Ein unverkennbares Markenzeichen
allein kann heute nicht mehr anzustrebendes Ideal des Künstlers
sein. Ebenso wenig ein streng logisch verlaufender Weg vom Gegenstand
zum abstrakten Bild, den Stefan Heide längst wieder weiter
zum Gegenstand gegangen ist. Statt eines krampfhaften Festhaltens
an einer einmal festgelegten rigiden Struktur, das zu einer formalistischen
Sackgasse führen kann, stehen seine neueren Arbeiten für
den Wechsel von Zuständen, für das Spinnen von leisen
Erzählungen zwischen unterschiedlichsten Bildern und auch
für die Offenheit neue Ansichten zu entwickeln.
Überraschungen sind immer eingeplant. Die neuen Bilder irritieren
ob ihrer unmittelbaren Präsenz. Der Zugang scheint leicht.
Man erfreut sich an ihnen, man kann schnell Bezüge zwischen
Idylle und Arbeitswelt herstellen, kann nach den Problemen des
Porträts fragen und so weiter. Das allein kann es jedoch heute
nicht sein, wollen die Bilder nicht nur im landläufigen Sinne
gut und schön sein. Die Schönheit wird dabei aber nicht
ganz zu vernachlässigen sein: Stefan Heide setzt sie einfach
gezielt ein, denn das Handwerkszeug des Malers beherrscht er perfekt
und kann dabei allerhand Register ziehen.
Um die ganze Arbeit von Stefan Heide zu verstehen, gibt uns der
Titel der Ausstellung „Konstellationen“ einen weiteren
Hinweis. „Konstellation“ ist ein Begriff, der im allgemeinen
Sprachgebrauch das Zusammentreffen von bestimmten Umständen
bezeichnet. In der Astronomie ist er ein Sammelbegriff für
eine Reihe von besonderen Stellungen zwischen den Planeten. Er
bezeichnet also ein abstraktes Phänomen, das vielfältig
für unterschiedliche Zustände eingesetzt werden kann,
in denen es um Beziehungen und nicht um Handlungen geht.
Die Konstellation von denen hier in der Ausstellung die Rede ist,
ist eigentümlich. Menschen in erstarrter Bewegung. Festgehaltene
Momente im Alltag, malerische Situationen im Urlaub und in der
Idylle, gestisch gemalte Leiber von Kühen. Das Zusammentreffen
repräsentiert das Zufällige und Vorübergehende.
Es sind schnell festgehaltene Ausschnitte von Situationen. Ein
Teil der Motive seiner neuesten Bilder weist auf die ländliche
oberbayerische Landschaft, in der Stefan Heide seit Jahren arbeitet.
Der andere Teil ist speziell für den Ort der Ausstellung,
das Verwaltungsgebäude des Unternehmens Osram entstanden.
Von beiden Kontexten malte Stefan Heide unzählige Bilder nach
selbst geschossenen fotografischen Vorlagen.
Das Foto zwischen Künstler und Mensch oder Landschaft ist
wichtig, es ermöglicht Distanz. Dem Maler ermöglicht
das Arbeiten nach dem Foto die Konzentration auf malerische Probleme,
er modelliert die Gesichter, konzentriert sich auf das Wesentliche
und belebt die fotografische Vorlage mit malerischen Mitteln.
Die vielen Gemälde bilden zusammengesehen einen eigentümlich
handlungslosen Film. Standbildern gleich lenken sie den Fokus auf
eher beiläufige Szenen. Die eine konfrontiert den Zuseher
mit einem konstruierten Bild aus dem Arbeitsalltag der Verwaltung.
Der Blick führt in ein Großraumbüro. Menschen sitzen
an Tischen. Es gibt keine erkennbaren Handlungen, keine deutlichen
Gesten, keine Kommunikation. Die Menschen sind nicht verwickelt
in psychische Zustände. Keiner tritt mit ausgeprägter
Individualität hervor. Die nächste Szene ist wieder banal.
Das Zufällige ist aus kompositorischen Gründen festgehalten.
Zu sehen ist eine Momentaufnahme einer Straßenszene. Die
Kleidung weist die Protagonisten als Geschäftsleute aus. Einer
in der Mitte sticht heraus. Momenthaft taucht aus dem Allgemeinen
das Individuelle kurz auf, um gleich wieder zu verschwinden. Was
macht wohl hier den Anschein des Individuellen aus, wo doch nichts
preisgegeben wird?
Fünf Porträts von Mitarbeitern der Firma Osram erscheinen
auf der Leinwand. Alle Menschen schauen den Betrachter direkt an
und scheinen ihr Gegenüber zum gegenseitigen Fragen nach der
jeweiligen Identität herauszufordern. Durch die Porträts
sind die Mitarbeiter aus der anonymen Masse gehoben und ihren Blicken
zugleich ausgesetzt.
Ortswechsel: am Strand und am See. Badende als Statisten, die
in Gruppen ebenso beiläufig im Raum stehen wie die Gruppenbilder
im urbanen Kontext stehen. Nur sind
sie hier in einen klassischen Naturzusammenhang gestellt und eine
romantische Stimmung wird erzeugt. Die Bilder verraten den insgeheimen
Hang des Malers zu klassischen Situationen, doch hier steht auch
wieder die unmittelbare Konstellation der Körper, die Komposition
im Vordergrund.
Der Schönheitsbegriff von Stefan Heide hat seine Wurzeln
im 19. Jahrhundert, das langsam seine Renaissance auch in den Bildern
der neuen Malerstars wie Daniel Richter hat. Doch anders als der
Kollege aus dem Norden, der im Sinne Nietzsches Schönheit
nur unter Einbeziehung des Diabolischen kennt, ist die Schönheit
von Stefan Heide noch eher eine im Sinne der Aufklärung und
von Schillers ästhetischer Erziehung des Menschen. Schönheit
wird demnach im Nachahmen der schönen, vollkommenen Natur
erreicht. Die Bilder dieser Natur vermögen den Rezipienten
aus der alltäglichen Sicht der Dinge herauszureißen
und neuen Genuss zu bereiten. Wir treffen auf schöne Bilder,
die auf den ersten Blick keine Aussage vermitteln, sondern sich
als relativ frei für den Vorgang des Betrachtens erweisen.
Die Konzentration wird auf das Bild an sich, auf die Strukturen,
die Farben, die Atmosphäre ermöglicht. Berührt und
gleichsam verführt wird der Mensch durch die gelassene Schönheit.
Um zu solcher Wirkung zu gelangen bedarf es im Sinne des frühen
19. Jahrhunderts jedoch auch eines empfindsamen Individuums, denn
die Natur hat ihre Objektivität als ein unabhängig vom
Menschen existierendes Weltganzes verloren. Die Landschaft wird
zu einem Ausdrucksmittel persönlichen Denkens und Fühlens.
Natur wird zum Sinnbild gefühlsmäßig und mystisch-philosophischen
Erlebens.
Stefan Heide hat tatsächlich etwas von der Kunstauffassung
des Zeitalters der Empfindsamkeit. Er sucht in der Natur, ohne
pathetisch zu werden, nach dem Kern der Dinge und dem eigentlich
Wichtigen. Die Natur, auf die er sich bezieht, ist die Welt des
persönlichen Empfindens.
Die Landschaften, die Darstellungen von Kühen und auch die
Menschengruppen sind zugleich Vorwand und nicht nur Motiv für
Malerei. Das ist der andere Anknüpfungspunkt an eine Vorstufe
der modernen Malerei, als sich das Bild allmählich von der
Verpflichtung auf Darstellung von konkreten Inhalten befreite,
als sich die Malerei vom Inhalt zu autonomisieren begann.
So wurde für Eduard Manet die Natur auch zum Vorwand für ästhetische
Fragen und für formal-farbige Probleme. Den Maler Manet interessierte
nicht das Leben sondern die künstlerische Form, die Umsetzung
des Motiv in die Zweidimensionalität der Malfläche und
die Schaffung einer innerbildlichen Harmonie durch Farben. Sein
berühmtes Bild Frühstück im Grünen von 1863
konstruierte er raffiniert und experimentierte mit formal-farbigen
Problemen. Nicht zufällig greift auch Stefan Heide dieses
Motiv und damit die formale Problemstellung auf. Die malerische
Form ist alles oder wie es Max Liebermann formulierte: Eine gut
gemalte Möhre ist besser als eine schlechtgemalte Madonna.
Elisabeth Hartung
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